Postmoderne-Diskussion


Postmoderne-Diskussion
Postmoderne-Diskussion
 
Seit der Jahrhundertwende kehrt in der Selbstreflexion des »Abendlandes«, das sich genau mit diesem historisch beladenen und belasteten Begriff nicht mehr identifizieren kann, die Vorstellung einer kulturellen Krise wieder; danach taugen Diskurse, Konventionen und Werte der Vergangenheit nicht mehr zur Bewältigung einer sich immer schneller verändernden Gegenwart - und damit erst recht nicht zur Projektion einer akzeptablen Zukunft. Die künstlerischen Avantgarden der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts sind ebenso wie deren alternative Gesellschaftsentwürfe Versuche, die Krise durch Innovationen zu überwinden. Diese vorwärts blickende Moderne, für die paradigmatisch immer wieder das Bauhaus mit seiner Verschmelzung von Kunst- und Lebensentwurf gesetzt wird, verliert ein Gutteil ihrer Glaubwürdigkeit durch die sozialen, politischen und militärischen Krisen der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre; der Versuch der Sechzigerjahre, eine kritische Bestandsaufnahme zu leisten, mündet in die Postmoderne-Diskussion.
 
Postmoderne greift als Reaktion auf die Moderne auf deren Voraussetzungen einer Krise der westlichen Kulturen zurück, verweigert sich aber ihrem Innovationsbegriff. Originalität wird unmöglich - ein Kritiker hat hier von »Avantgarde als Zitat« gesprochen, was gleich in einem doppelten Sinn richtig ist. Die historischen Avantgarden werden immer wieder zitiert, doch subversiv derart unterlaufen, dass sie ihren vorwärts drängenden Impuls verlieren; die neue postmoderne Kulturproduktion behauptet, in jedem Moment das jeweils Allerneueste zu bringen, doch sie kann ihre eigenen Produkte nur noch als Wiederholungen von älteren verstehen. Charakteristische Techniken, die über die ganze Breite der kulturellen Produktion hinweggehen - Illusionszerstörung, spielerische Reflexion der eigenen Bedingtheit, Selbstzitat und der Appell zu einer distanzierten und ihrerseits wieder selbstreflektierten Rezeption -, signalisieren die Vorläufigkeit, den Autoritätsmangel des jeweiligen Werks in ihm selbst. Ironie wird zur zentralen Redeweise der Postmoderne, die man in dieser Hinsicht als Wiederkehr der Romantik verstanden hat.
 
Dabei sehen die Produkte in verschiedenen Künsten durchaus verschieden aus. In der Architektur entwickelten sich Postmoderne-Definitionen, die zu vielen sonstigen Gedanken über Literatur und Gesellschaft quer liegen. Besonders bekannt wurde der Ansatz von Charles Jencks, der 1986 schrieb: »Noch heute würde ich die Postmoderne wie damals als doppelten Code definieren: als eine Kombination moderner Techniken mit etwas anderem (gewöhnlich der traditionellen Architektur), mit dem Ziel, eine Architektur zu begründen, die mit dem Publikum und mit einer bestimmten Gruppe von Minderheit, im allgemeinen mit anderen Architekten, kommuniziert.« Die bildenden Künste werden im Zeichen der Postmoderne wohl am programmatischsten zu einer Zitatkunst, die sowohl aus dem älteren künstlerischen Repertoire wie aus der Alltagswelt zitiert, sodass die Grenzen zwischen Kunst und Nichtkunst zumindest fragwürdig und durchlässig, wenn nicht hinfällig werden. So wird die prononcierte und programmatische Sekundarität eines Großteils postmoderner Kulturproduktion, die darin besteht, dass immer auf etwas Vorangehendes zurückverwiesen wird, dahingehend wirksam, dass sie bei aller Wendung gegen Früheres eben diesem - hier: der grundsätzlichen Unterscheidung von Kunst und Alltagswelt - praktisch wie theoretisch verpflichtet bleibt.
 
In der Literatur wie in der Musik realisiert sich solche Sekundarität in einer Wendung von Parodie zu Pastiche. Diese auch in der Kritik wichtig gewordene Unterscheidung meint eben den Verlust des Glaubens an die Möglichkeit echter Erneuerung, wie er sich in Satire und Parodie realisierte, die immer Veränderungen bewirken wollen. Was bleibt, ist nicht mehr als die kritische Wiederholung des Konventionellen ohne die Möglichkeit der Befreiung aus der Konventionalität. Das hat Auswirkungen auf die »Aussage« der Werke. Wenn Nathanael West in den Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts literarische Muster des 18. und 19. Jahrhunderts in seinen Satiren parodiert, dann eindeutig mit satirischer Absicht auch gegen das rationalistische Menschenbild und den Fortschrittsglauben früherer Parodien. Wenn John Barth in seinem »Tabakhändler« Vergleichbares tut, dann fehlt der Glaube an die Veränderbarkeit von Gesellschaft und Kultur - eine Pastiche. Walter Benjamins Reflexion über den Verlust der Aura des »Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« findet Eingang in solche Selbstcharakterisierungen und Verfahren der Postmoderne, ebenso wie marxistische oder psychoanalytische Vorstellungen von Fetischisierung und Reflexionen über Entfremdung und die Reduktion von Kunst zur Ware.
 
In der Diskussion um die Postmoderne wird der Begriff des Markts zentral, in dem sich zum einen frühe Selbstreflexionen der Kunstszene der amerikanischen Ostküste spiegeln, die immer wieder die Frage nach dem Neuen als Frage nach den Entwicklungen des Kunstmarkts stellen. Bedeutsam ist zum anderen aber auch der Versuch, Postmoderne nicht nur in den Künsten zu finden, sondern über diesen Begriff einen allgemeinen Strukturwandel der Gesellschaften seit den Sechzigerjahren zu definieren. Mit dem Begriff geschieht damit dasselbe wie in neueren Theoriebildungen allgemein: eine Verschmelzung des Ästhetischen mit dem Politischen. Nach dem Scheitern so verschiedener Erneuerungsversuche wie der Hippiebewegung und der Studentenbewegung von 1968 wird Gesellschaft in steigendem Maß als Markt verstanden, auf dem intellektuelle Positionen, Wertvorstellungen von Gruppen und materielle sowie Statusinteressen miteinander in Konflikt liegen und »verhandelt« werden. Der Vorwurf der Beliebigkeit, des Relativismus oder Nihilismus ist dagegen immer wieder erhoben worden - nicht in allen Fällen zu recht, insofern hinter dem Begriff des Verhandelns (oder auch des Durcharbeitens) oft stillschweigende Annahmen der Einbindung der Verhandelnden in Ordnungen stehen, die das Verhandeln regulieren. Dass solche Annahmen meist unreflektiert bleiben, ist eine Schwäche derartiger Positionen.
 
Gesellschaft und Kultur werden damit als Prozesse, nicht als Produkte oder Ansammlung von Produkten gesehen. Pragmatische Positionierungen in einer scheinbar zufälligen Welt, die sich immer schneller verändert, sind gefordert, und die Philosophie des Pragmatismus gewinnt an Bedeutung. Der Versuch, Stabilitäten zu schaffen, wird zur Illusion. Entsprechend verändern sich Vorstellungen vom Individuum soweit, dass der Begriff als solcher fragwürdig wird. Individuelle Identität wird umdefiniert im Zeichen eines programmatischen Anti-Humanismus, der das traditionelle europäische Bild vom selbstständigen Individuum kritisiert, nach welchem dieses als Meister seines eigenen Schicksals einer mehr oder weniger objektiven Welt gegenübertritt. Die Hegemonie europäischer Welt- und Individualitätsvorstellungen spätestens seit dem Humanismus wie ihre Verquickung (nach außen) mit Kolonialismus und (nach innen) mit der Unterdrückung rassischer, ökonomischer und sexueller Minderheiten sind Ziele dieses Angriffs; ihr Resultat ist eine wieder prozesshafte Sehweise, nach der sich Subjekte im Durchgang durch kulturelle Sinnangebote realisieren, immer im provisorischen Entwurf, nie abschließend. Diese Sicht lässt sich unter dem Einfluss von Poststrukturalismus und Dekonstruktion derart umkehren, dass es eigentlich die kulturellen Schemata, die Ideologien, Diskurse und sprachlichen Signale sind, die sich im Durchgang durch Subjekte realisieren und damit für das Bewusstsein Wirklichkeit schaffen. Bei Marshall McLuhan und Jean Baudrillard, bei Michel Foucault und Jean-François Lyotard ist Sprache dann zugleich das Gefängnis und der einzige Spielraum des Subjekts.
 
Hier, in Bezug auf die Frage der Freiheit des Subjekts, zeichnet sich eine innere Spaltung der Postmoderne-Diskussion ab, die an anderer Stelle wiederkehrt. Dies wird um so deutlicher, je näher wir der Gegenwart kommen, die ein besonders dringliches Bedürfnis nach Selbstvergewisserung durch inhaltlich reiche Periodenbegriffe zu haben scheint. In dem Maß, in dem der Begriff zur selbstverständlichen Benennung unserer Zeit wird, muss er deren Fragen, deren Entscheidungsbedarf und deren ungelöste Widersprüche in sich aufnehmen und seinerseits zum Instrument der Verhandlung von Problemen werden. So wird einerseits mit dem von Lyotard festgestellten Tod der »großen Erzählungen« (der großen ideologischen Entwürfe) eine Vervielfältigung von Ideologien postuliert, die Denk-, Entscheidungs- und Handlungsräume eröffnet; ähnlich wirkt sich die innere Multiplizität des Machtsystems Gesellschaft bei Foucault aus. Andererseits werden (insbesondere bei amerikanischen Autoren) Vorstellungen einer in sich politisch, wirtschaftlich und kulturell vielfältigen Welt angeboten, die gleichwohl ein einziges als kapitalistisch bezeichnetes System bildet. Während europäische Postmoderne-Definitionen eher zum Internationalismus tendieren, wird die Postmoderne bei solchen amerikanischen Autoren - weil Amerika hier nicht nur als Ort des Neuen, sondern immer schon als fortgeschrittenste kapitalistische Gesellschaft gesehen wird - nationalistisch vereinnahmt. Die Theorie der Postmoderne reduziert entsprechend besonders in den USA die Anleihen bei Poststrukturalismus und Dekonstruktion auf eine amerikanische Erfahrung und identifiziert die Gesetze der postmodernen Welt mit denen der amerikanischen Gesellschaft.
 
Ebenso stehen Globalisierung und Regionalisierung einander gegenüber. Wo die einen eine Weltkultur entstehen sehen und sie der Nivellierung und Oberflächlichkeit verdächtigen, finden andere einen Geltungsanspruch des Minoritären. Er äußert sich nicht nur im Multikulturalismus, sondern auch in neuen Nationalismen und neuer kultureller Unterdrückung: diesmal nicht eine Unterdrückung von Minderheiten durch eine Mehrheit, sondern eine von Minderheiten durch Minderheiten. Hier wird vielleicht am deutlichsten, dass es über weite Strecken unmöglich geworden ist, die Postmoderne-Diskussion auf Positionen festzulegen, dass man sie - allerdings auf der Basis der oben angesprochenen Grundsätze - adäquater als Verarbeitung von Problemen und als Spiel mit einander entgegengesetzten Perspektiven fasst.
 
Das äußert sich noch auf einer allgemeinsten Ebene in der Ausdifferenzierung der emotionalen Reaktionen auf das, was als postmoderne Wirklichkeit entworfen wird. Sie gehen über das ganze Spektrum von Feier bis Klage: Feier der Auflösung von Grenzen, Konventionen, Traditionen; Klage über Kriterienverlust (»anything goes«), Werteverlust, Fragmentarisierung. Die Figur des »Cyborg«, des Maschinenmenschen, summiert in ihrer Fantastik vielleicht am besten den Verlust gewohnter Kategorien wie die imaginative Projektion des Neuen; sie zieht nicht umsonst die Reaktionen der Angst und der Faszination auf sich.
 
Prof. Dr. Hartwig Isernhagen
 
 
Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, herausgegeben von Andreas Huyssen und Klaus R. Scherpe. Reinbek 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

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